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Wissen
wird künftig Erfolg und Misserfolg in der Wirtschaft bestimmen,
sagt der amerikanische
Unternehmensberater und Trendexperte Charles Savage. Er verkündet
den Abschied vom Industriezeitalter und entwirft ein Szenario, wie Wissensmanagement
funktionieren wird.
Quelle: Jobpilot,
Ausgabe 14.7.2000
Herr Savage, worin
liegen die größten Schwächen herkömmlicher hierarchischer
Strukturen?
Savage: Im wirtschaftlichen Erfolg wurde verkannt, dass Wissen das größte
Kapital eines Unternehmens ist. Doch ich kenne keine Firma, die ihr Wissen
in der Bilanz bewertet hat. Im Zeitalter des Wissens, das die Industrieära
ablösen soll, werden sich die Leute stärker engagieren und den
Willen haben, an Entscheidungen mitzuwirken. Folglich werden Führungskräfte
viel mehr von ihren Mitarbeitern verlangen, aber diese können offen
sein und sich einbringen. Sie müssen nicht um ihr Ansehen und ihre
Stellung fürchten, wenn ihre Ideen dann doch nicht zum Tragen kommen.
Entscheidend ist, dass ein wahrhaftiger Umgang gepflegt wird.
Sie behaupten also,
dass Unternehmen derzeit große Ressourcen verschleudern?
Savage: Das Ideenpotenzial ist ungleich größer als es jetzt
den Anschein hat. Es kommt doch nicht darauf an, wie es heute leider oft
passiert, von wem eine Idee kommt, sondern dass am Ende die beste Entscheidung
getroffen wird. Deshalb sollten Mitarbeiter auf allen Entscheidungsebenen
gehört werden. Es darf kein Machtkampf der Personen entstehen, sondern
es muss einen fruchtbaren Wettbewerb der Ideen geben. Das ist nur über
die Bereitschaft zum Dialog zu schaffen. Die Kultur des Zuhörens
ist dabei ganz entscheidend.
Sie empfehlen Unternehmen,
sie sollten ihre Organigramme zerreissen und "Dialog statt Hierarchie
" pflegen. . Welche Diskrepanz tut sich denn in deutschen Firmen
diesbezüglich zwischen Wunsch und Wirklichkeit auf?
Savage: Es klafft noch eine große Lücke. Es geht ja nicht nur
darum, Hierarchie zu vermeiden, sondern eine neue Kultur zu pflanzen.
Viele deutsche Manager zeigen sich im persönlichen Gespräch
offen für Neues und stimmen zu, dass bisherige Führungsmodelle
für die Zukunft nicht mehr taugen. Sie sind oft sogar frustriert,
weil sie sich selbst nicht anerkannt fühlen in dem herkömmlichen
Abteilungsdenken. Sie beherrschen zwar die bestehenden Spielregeln, aber
sie sind damit nicht zufrieden.
Was ist denn so
schlecht und kritikwürdig am Status Quo?
Savage: Die in den meisten Unternehmen herrschende Kultur ist tief in
Sprache, Mentalität und Denkweise verwurzelt. Diese ausgetretenen
Pfade zu verlassen, ist ein äußerst schwieriges Unterfangen.
Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Noch immer wird von den Vor-Gesetzten und
dem Vor-Stand gesprochen. Allein diese Begrifflichkeiten senden ganz falsche
Signale. Das Ziel einer modernen Managementstruktur muss sein: Führen
durch Wissen und nicht durch bloße Entscheidungsmacht. In Worte
gefasst: Aus dem "Vor-Stand "wird eines Tages dann vielleicht
der "Mit-Stand ".
Was zeichnet die
von Ihnen propagierte Dialogkultur aus?
Savage: Jeder "Mitarbeiter "und "Mitführer "
muß die Fähigkeiten und Talente seiner Kollegen ernst nehmen
und darauf bauen. Heue ist es doch so: Jeder will auf Kosten des Anderen
vorankommen, es herrscht ein hohes Maß an Konkurrenzdenken. Solange
es diese ausgeprägten Hierarchien gibt, wird das Zueinander und Miteinander
gebremst. Im Industriezeitalter sagte man, Mitarbeiter sollten Hirn und
Herz am Werkstor abgeben. Und was war das Ergebnis? Eine von Misstrauen
geprägte Kultur, die leistungsfeindlich ist. In den Unternehmen müssen
Mitarbeiter, Kunden und selbst Lieferanten ins Gespräch mit einbezogen
werden. Nur so lässt sich Freude an der Arbeit vermitteln. Aber um
nicht missverstanden zu werden: Auch in Zukunft wird es Hierarchien geben,
nur müssen sie in ihrer Bedeutung so weit reduziert werden, dass
sie die Beziehungen der Mitarbeiter nicht dominieren.
Werden Unternehmen
bei einer konsequenten Anwendung Ihres Konzepts auch im Markt ganz anders
auftreten?
Savage: Heute sind alle Marketing-Bemühungen darauf ausgerichtet,
Bedürfnisse des Kunden zu erkennen oder zu wecken und diese zu befriedigen.
Das wäre in der Epoche des Wissenszeitalters zu kurz gedacht. Marketing-Leute
müssen mit ihren Kunden in den Dialog treten, sie müssen die
Probleme und Bestrebungen des Kunden zu ihren eigenen machen und darüber
nachdenken, wie der Kunde sein Geschäft erfolgreicher gestalten kann.
Unternehmen müssen sich fragen: Was beschäftigt meinen Kunden?
Mit welchen Kunden und Märkten hat er es zu tun?Welche Wechselwirkung
ergibt sich daraus?
Die meisten Kunden
werden sich verbitten, dass sich jemand in ihr Geschäft einmischt.
Savage: Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Die Unternehmen sind sehr
aufgeschlossen, wenn eine Vertrauensbasis da ist. Aber natürlich
setzt diese Form des Umgangs einen längeren Lernprozess voraus.
Nennen Sie bitte
ein Beispiel.
Savage: Wenn Siemens ein Kraftwerk an einen Staat verkauft, dann sollten
sich die Siemens-Manager intensiv mit der Situation ihres Kunden auseinandersetzen:
Was muss der Kunde, also der Staat, bedenken, wenn er nun dieses Kraftwerk
betreibt? Welche Folgen hat das für das Land und seine Menschen?
Welche Gefahren, welchen Nutzen bietet es?Siemens wird davon direkt profitieren,
weil es noch bessere Produkte und zielgerichteteren Service anbieten kann.
In wiefern müssen
sich gelernte und gewohnte Prozesse in Unternehmen ändern?
Savage: Wir können uns die engstirnige Isolation der sequentiellen
Arbeitsabläufe im Rahmen einer zunehmenden Arbeitsteilung und unter
Anwendung eines ebensolchen Prinzips auf das Management nicht länger
leisten. Simplifizier es Eigeninteresse, bei dem unsere Kästchen
auf dem Organisationsdiagramm als unser Exklusivbesitz gelten, darf nicht
mehr oleriert werden. Wir müssen Denkende und Handelnde zugleich
sein, um gleichzeitig als Betreuende, Lehrende und Lernende führen
und folgen zu können.
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Das erfordert einen
radikalen Umbau der Unternehmensstruktur?
Savage: Unsere neue Organisation erforder in der Tat neue Strukturen -mit
anderen Kontroll-, Autoritäts-, Kommunikations- und Zuständigkeitsstrategien.
Virtuelles Unernehmertum bedeutet einen Prozess, mit dem Unternehmen ihre
Talente "teamen ". Multiple, funktionsübergreifende Teams
werden je nach Bedarf immer wieder neu zusammengesetzt. Diese Teams umfassen
nicht nur Mitarbeiter des eigenen Unternehmens, sondern auch Mitarbeiter
aus Lieferanten-oder Kundenunternehmen.
Welche Rolle spielt
das Personalmanagement in wissensbasierten Unternehmen?
Savage: Das Personalmanagement muss seine Aufgaben neu definieren. Es
könnte zu einer starken Kraft reifen, um das neue Modell voranzubringen.
Doch leider denken die meisten Personalmanager noch zu sehr in Jobs und
Stellen. Sie sind bislang zu sehr im alten Denken verhaftet.
Was muss sich ändern?
Savage: Solange der Begriff "Personalmanagement "besteht, befinden
wir uns in der Sackgasse. Vergessen Sie die Bezeichnung "Human Resources
", sprechen Sie von "Knowledge Resources Management ".
Personalverantwortliche sind meist sehr konservativ und verhindern das
Beschreiten neuer Wege. Im Knowledge Resource Management wird es dagegen
völlig veränderte Aufgaben geben. Die Personaler müssen
dann bereit sein, alles in Frage zu stellen, selbst ihre eigene Stellung.
Sie werden überflüssig?
Savage: Nein, aber sie werden eine andere Rolle einnehmen, die Aufgaben
werden andere sein. Die Personalmanager von heute werden dann recherchieren,
wo das beste Wissen für das Unternehmen ist. Sie werden nicht nur
mit den internen Mitarbeitern reden, sondern auch mit Lieferanten und
Kunden. Es stellen sich ja auch ganz neue Fragen, zum Beispiel: Wie werden
in einem dynamischen Unternehmen die Mitarbeiter bezahlt?
Was machen die
Manager falsch?
Savage: Sie lassen es zu, dass eine große Sprachlosigkeit zwischen
Abteilungen herrscht, sie denken in Ressortgrenzen und damit in Fragmenten.
Sie werden dadurch dem Gesamtinteresse eines Unternehmens nicht gerecht.
Genauso schlimm ist, dass ie Manager ihre Mitarbeiter kontrollieren und
sich nach unten hin abschotten. Sie wählen nur Mitarbeiter aus, die
nicht stärker sind als sie oder sie halten sie klein. Das hat zur
Konsequenz, dass die Mitarbeiter nur noch Dienst nach Vorschrift machen.
Wenn die gegenseitige Wertschätzung fehlt, wird es nicht gelingen,
Mitarbeiter zu Wissensvernetzung zu motivieren, schlagkräftige Teams
zu bilden, mit den Kunden strategische Allianzen und mit den Wettbewerbern
Partnerschaften einzugehen.
Sind die Manager,
die Sie beraten, wirklich bereit zu einem tief greifenden Wandel im Denken
und Handeln?
Savage: Die Kraft des alten Denkens ist noch ganz stark: Manche werden
sich weigern, weil sie sich bequem eingerichtet haben im alten Modell.
Gefährlicher jedoch sind diejenigen, die zwar vorgeben, neue Wege
zu gehen, aber nicht wirklich den Mut und die Energie dazu finden. Wenn
wir zu intellektuellem Kapital gelangen wollen, müssen wir die innere
Beziehung zwischen dem Wissen und den Werten verstehen. Wenn ich Dich
nicht wertschätze, werde ich nie Zugang zu Deinem Wissen haben. Das
System der Vergangenheit war darauf angelegt, Dich abzuwerten, um Dich
auszuschalten. Was wir versuchen, ist unsere Klienten in einen regulären
Dialog mit ihren Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten zu führen,
um sie die Energie fühlen zu lassen, die aus diesen Unterhaltungen
entsteht. Wir müssen mit Energie arbeiten, nicht mit Macht.
Dennoch wird es
nicht so schnell gelingen, alte Mauern einzureissen?
Savage: Da bin ich nicht so pessimistisch. Wir müssen eine Wertediskussion
mit den Managern führen und die Kernfrage stellen: Was sind die bestimmenden
Werte im Leben? Noch sind unsere Firmen Gesellschaften und keine Gemeinschaften,
das ist der wunde Punkt. Unser Ziel lautet, Führung durch Gemeinschaft
zu erreichen. Wenn keine Teil-Menschen, sondern Ganz-Menschen arbeiten,
dann bringt sich der einzelne viel stärker in die Arbeit ein und
wird folglich auch den wirtschaftlichen Erfolg steigern. Sehen Sie: Das
Erdöl wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt -und eine bis
dahin unbekannte Kraft in Gang gesetzt. Es hat das Leben deutlich verändert.
Diese Bedeutung werden irgendwann auch Knowledge Economy und Knowledge
Enterprise einnehmen.
Aber warum sollten
die Unternehmen die von Ihnen geforderte Kehrtwende betreiben?Im Industriezeitalter
wurde doch viel erreicht und erfolgreich gearbeitet.
Savage: Aber das alte Modell stößt jetzt an Grenzen. Der Mensch
muss in den Mittelpunkt unternehmerischen Wirkens rücken. Langfristig
kommt daran keine Organisation vorbei. Unternehmen haben vier Lebenszyklen:
Aufbau, Konsolidierung, Neuorientierung, Konsolidierung. Wenn letzteres
nicht gelingt, kommt es zum Untergang. Das gilt auch für Gesellschaften.
Hochkulturen sind zugrunde gegangen, weil die herrschende Klasse den Kontakt
zur Masse verloren hat. Das hat sich zuletzt in Osteuropa gezeigt - es
sollte den Unternehmen ein warnendes Beispiel sein und sie aufrütteln.
Interview: Roland
Karle
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