| Siemens, General Electric, Motorola, DaimlerChrysler, France Telecom,
Ericsson, Philips, Toshiba - fast alle großen Konzerne hatten
schon eines: riesige Veränderungsprogramme, mit deren Hilfe
die Führungsspitze das Unternehmen grundlegend umbauen wollte.
Sie gehörten zu den typischen Managementphänomenen der
90er Jahre.
Ob diese Vorhaben nun „Six Sigma", „Vision 2010", „Prima" oder „Top" hießen,
letztlich waren sie sich alle recht ähnlich. Überall
wurde Qualität verbessert, Kundenorientierung gepredigt, Reengineering
betrieben. Dies verwundert nicht, hatten doch die meisten Firmen
erstklassige Berater und erstklassige Manager engagiert, die an
erstklassigen Business Schools ähnliche Konzepte und Theorien
kennen gelernt hatten.
In all diesen Initiativen taten die Beteiligten Nützliches.
Sie senkten Kosten, verbesserten Prozesse, verkürzten Duchlaufzeiten
und so fort. Aber was haben sie wirklich erreicht? Leider nicht
viel: Bis auf wenige Ausnahmen wie etwa General Electric (GE) oder
Siemens hat es kaum ein großes Unternehmen geschafft, auf
diese Weise wirklich nachhaltig wettbewerbsfähig zu werden.
Schlimmer noch: In den meisten Fällen haben solche Initiativen
die Lage eher verschlechtert, nicht selten waren sie sogar so etwas
wie Vorboten des Niedergangs. So befand sich Enron mit seinem Leitbild,
eine wissensbasierte Organisation zu werden, durchaus auf dem richtigen
Weg. Doch auch die Manager dieser Firma haben das Prinzip des Wandels
falsch verstanden und umgesetzt.
Ebenso hat das 1992 gestartete weltweite Veränderungsprogramm
von ABB namens „Customer Focus" letztlich nicht den
erhofften Erfolg gebracht. Es hatte zum Ziel, neben einer stärkeren
Kundenorientierung die 5000 selbstständigen Profit-Center
des Konzerns besser zu vernetzen. Zu dieser Zeit war der schwedisch-schweizerische
Energie- und Elektrokonzern ein hoch angesehenes Unternehmen und
das Programm für viele andere Vorbild. Ich war an diesem Vorhaben
beteiligt und habe es lange Jahre in zahllosen Projekten, Schulungen
und Gesprächen vorangetrieben.
Viele Firmen und Konferenzveranstalter haben mich gebeten, es vorzustellen.
Insgesamt war es aus meiner Sicht aber ein Misserfolg und eine
persönliche Niederlage.
Warum das so war und was Manager aus meinen praktischen Erfahrungen
- nicht nur bei ABB, sondern auch bei anderen Firmen - für
ihre Arbeit in Change-Projekten lernen können, möchte
ich in diesem Beitrag darlegen. Ich habe eine Reihe typischer Fehler
identifiziert und einige Fragen formuliert, die sich das Topmanagement
eines Unternehmens vor dem Beginn einer Veränderungsinitiative
stellen sollte. Ich habe bewusst die Form der Frage gewählt.
Denn Ratschläge von außen führen selten zu Veränderungen.
Menschen werden einzig und allein das umsetzen, was sie für
sich selbst als richtig erkannt und wirklich
verinnerlicht haben. Und nur Sie selbst können sich letztlich
die richtigen Antworten geben. Die meisten Unternehmen stehen unverändert
vor der Herausforderung, sich radikal zu wandeln, um auf den zunehmend
schwierigen Märkten zu überleben. Dynamik und Komplexität
werden in Zukunft nicht geringer werden. Die Arroganz des Erfolgs
- Zufriedenheit mit einem hohen Marktanteil, der eigenen Größe,
der Stellung eines Alleskönners - wird immer gefährlicher.
Daher sind wir dazu verurteilt zu lernen, wie wir den Wandel bewerkstelligen
können, und dürfen aus den Fehlschlägen der Vergangenheit
nicht den Schluss ziehen, dass umfassender Wandel unmöglich
ist.
Auf einer übergeordneten Ebene sind es vor allem die folgenden
Kardinalfehler, die von Führungskräften
begangen werden:
•
Zögerlichkeit. Change-Management bedeutet nicht, ein altes
System kontinuierlich zu verbessern.
Das ist sicher unabdingbar, aber es geht um etwas ganz anderes:
ein neues Spiel nach neuen
Regeln zu spielen. Bestehende Systeme lassen sich nicht unendlich
perfektionieren, wenn überhaupt,
dann nur zu einem hohen Preis (siehe Kasten Seite 65).
•
Zu viele Fusionen. ABB konnte die vielen und teilweise riesigen
Firmenkäufe kaum verdauen.
Auch DaimlerChrysler ist heute viel weniger wert als Daimler-Benz
allein vor der Fusion. Nur selten bewirken Führungskräfte
durch Fusionen und Übernahmen positiven Wandel, oft vernichten
sie unglaublich viel Wert. Die Restrukturierungen verschlangen
bei ABB Unsummen – nicht nur an Geld, sondern vor allem auch
an Zeit und Aufmerksamkeit des Managements. Konstruktiver Wandel
ist dann kaum noch möglich.
•
Mangelnde Glaubwürdigkeit. Change-Management braucht ein stabiles
Fundament – klare Führungsprinzipien und einen vertrauensvollen
und kooperativen Umgang miteinander. Die Führungsprinzipien
waren bei ABB klar vorgegeben:
global denken, lokal handeln; groß und mächtig sein,
aber wie ein kleines und agiles Unternehmen
agieren; zentrale Koordination, aber dezentrale Umsetzung.
In der
Realität gab es freilich zahlreiche
Widersprüche, die zu Mißverständnissen und Misstrauen
führten. Viele Manager bildeten Seilschaften und waren ständig
damit beschäftigt, sich gegenüber anderen Interessengruppen
durchzusetzen.
Diese internen Kämpfe verschlangen viel Energie, die nötig
gewesen wäre, um sich um Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter
und Wettbewerber zu kümmern.
•
Kosten senken statt Wandel. Viele der Programme kleideten die Manager
in schöne Worte, letztlich verstanden sie darunter vor allem
eines:
Kosten reduzieren und Mitarbeiter entlassen. Selbstverständlich
ist es immer wieder notwendig, die Ausgaben in den Griff zu bekommen,
wenn ein Unternehmen zu viel Fett angesetzt hat oder wenn äußere
Einflüsse wie der Konjunktureinbruch nach dem 11. September
dies erfordern. Kosten zu senken schafft aber kein Unternehmenswachstum.
Dies bewirken nur langfristige Investitionen. Keine Firma ist allein
durch ständiges Kostensenken über Jahre hinweg gesund
geblieben, aber etliche krankten daran oder gingen gar zugrunde.
Bei den einst überaus erfolgreichen Firmen Digital Equipment
(DEC), ABB und
Aistom musste ich dies selbst miterleben. Das „Customer Focus"-Programm
verlief im Sand. Der Nachfolger von Percy Barnevik, Göran
Lindahl, gab die Losung aus, ABB solle ein Wissensunternehmen
werden. Dem folgte das Transformationsprogramm „Customer
Oriented Organisation" unter der Ägide von Jörgen
Centerman.
Der heutige ABB-Chef, Jürgen Dormann, hat ein neues Veränderungsprogramm
namens „Step Change" initiiert. Die Firma soll sich
nun grundlegend wandeln. In ähnlicher Weise haben etliche
Firmen ihre Programme immer wieder reanimiert, großenteils
ohne Erfolg. Viele blieben in der Kostenspirale befangen. Wollen
Sie ihre Veränderungsinitiative gleich von Beginn an richtig
angehen, müssen Sie sich folgende Fragen stellen.
Haben Sie die
richtige Strategie? Bis 1996 führte Percy Barnevik ABB als Vorstandsvorsitzender.
Er war ein charismatischer Manager, daher wurde er damals von den
meisten für einen Visionär gehalten und bejubelt. Heute
behaupten dieselben Leute, er sei ein schlechter Führer gewesen
und kritisieren ihn unter anderem für verschiedene Managementfehler.
Weder das eine noch das andere trifft allerdings die Sache. Ganz
sicher war Barnevik keine schlechte Führungskraft. Er hat
eine Reihe kluger Schachzüge getan. Dazu gehörte zum
Beispiel die Fusion der schwedischen Asea und ihrer Schweizer Rivalin
Brown Boveri & Cie (BBC) 1988. Obwohl noch Jahre später
Kulturunterschiede zu erkennen waren und diese erhebliche Probleme
verursachten, war der Zusammenschluss letztlich ein Segen für
beide Seiten. Barnevik beherrschte die Kunst, marode Firmen zu
sanieren, und verstand sich hervorragend auf rigoroses Kostenmanagement.
Lange Zeit war allerdings nicht offensichtlich, dass er ABB tatsächlich
keine wirkliche Vision mit auf den Weg gegeben hat. Das ist aber
in vielen, auch den erfolgreichen Unternehmen eher die Regel als
die Ausnahme. Eine charismatische Führungskraft besitzt die
Gabe, Menschen für ihre Sache zu begeistern - eine wertvolle
Fähigkeit für das Veränderungs management. Was
aber, wenn dieser Manager in Wirklichkeit keine oder die falsche
Vision hat?
Den meisten Unternehmenschefs, die sich für ein Change-Programm
entscheiden, ist nicht klar, worauf sie sich einlassen.
Oder wenn er sich nicht darüber im Klaren ist, was die Mitarbeiter
für die Umsetzung der Vision brauchen? Alle laufen dem Visionär
begeistert hinterher und merken irgendwann, dass sie ziellos
umhergeirrt sind. Charismatische Manager können ein Segen,
aber auch ein Fluch sein. Um das
Risiko zu minimieren, ist Teamwork auch in den Topetagen angesagt.
Führungskräfte müssen begreifen:
Angesichts der enormen Komplexität und gewaltigen Dynamik
in der Geschäftswelt können sie allein mit dem eigenen
Wissen und den eigenen Erfahrungen ihr Unternehmen nicht führen,
geschweige denn transformieren.
Ich glaube, die meisten Unternehmenschefs, die sich für ein
Change-Programm entscheiden, wissen
kaum, worauf sie sich einlassen. Sie wollen drängende Probleme
lösen und existierende Produkte,
Prozesse oder Abteilungen verbessern. Diese Vorhaben sind nur als
Change-Management
etikettiert, denn das klingt schicker als Verbesserungsprogramm.
Erst wenn das Topmanagement
eine schlüssige Strategie formuliert hat, bekommt der Wandel
eine Richtung und ein Ziel.
top

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Nehmen Sie
sich genug Zeit?
Es wird viel über Strategie und Visionen geredet. Tatsächlich
aber denken Topmanager zu wenig über die Zukunft nach. Schauen
Sie sich nur zwei Dinge an: Die Terminkalender der obersten Führungskräfte
zeigen, dass diese sich meist mit operativen Dingen beschäftigen;
die Agenden ihrer Meetings verraten, wie wenig sie wirklich über
strategische Dinge sprechen - das sind ausschließlich Angelegenheiten
mit einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Führungskräfte
der oberen Hierarchiestufen glauben häufig, sie könnten
relativ schnell und gleichsam über eine Eingebung zu einer
Strategie gelangen, statt durch harte Arbeit im Team.
Sie ziehen sich für ein paar Tage im Jahr in eine schöne
Umgebung zurück, und das Ergebnis sind überwiegend taktische
Maßnahmen, um die aktuellen operativen Probleme zu bewältigen,
sowie schön klingende Sätze, die allenfalls die Medien,
Investoren und Aufsichtsräte beeindrucken.
Die
S-Kurve. Jede Firma, jede Methode, jedes Lebewesen
durchläuft in der einen oder anderen
Form einen Zyklus, der die Form
einer S-Kurve hat. Ein Organismus
wird geboren und durchlebt eine
Zeit des schnellen Wachstums, des
Lernens und des Reifens. Genau in
der Phase, in der er sich am
erfolgreichsten in seiner Umwelt behauptet,
ist jedoch der Abfall der
Kurve und das Ende des Lebenszyklus
programmiert. Für manche
Unternehmen ist der Zyklus länger,
für manche kürzer, aber irgendwann
gelangt jedes an sein Ende. (Charles
Handy hat diesen Sachverhalt in
seinem Buch „The Empty Raincoat" sehr
anschaulich dargestellt - siehe Servicekasten Seite 80. )
Anders als lebende Organismen
lassen sich Firmen auch dann
revitalisieren, wenn sie schon kurz
vor dem Untergang stehen. Dazu ist
eine völlige Erneuerung notwendig;
das Management muss also einen
Neustart wagen, sodass eine neue
S-Kurve beginnt. So wie die
Preussag AG, die sich von einem
Stahl- in ein Touristikunternehmen
verwandelte. Auch die 1988 aus der
Fusion der schwedischen Asea und
ihrer Schweizer Rivalin Brown
Boveri & Cic (BBC) hervorgegangene
ABB befand sich am Anfang
einer neuen S-Kurve. Nokia ist
ebenfalls ein Beispiel für die
Fähigkeit zur steten Erneuerung.
Der Neustart. Der beste Zeitpunkt
für den Neubeginn liegt in der Wachstumsphase, wenn das
Unternehmen stark und ertragreich
ist und bevor sich die Kurve
abzuflachen beginnt. Dann wird der
Kostendruck spürbar, und das
Management steckt schnell mitten in
der Phase des Kostensenkens, in der
für Strategie keine Zeit mehr bleibt
und in der sich alle im Unternehmen
nur noch abstrampeln, um nicht
unterzugehen. Früher oder später
folgt darauf die Liquiditätskrise.
Bei einer Vielzahl von Unternehmen
war in jüngster Zeit dieser
verhängnisvolle Verlauf zu beobachten,
etwa Worldcom, Enron, Kmart,
Grundig, ABB, Aistom. |
Einige sind bereits untergegangen.
Andere kämpfen noch.Die Sackgasse. Am Ende der Wachstumsperiode
starten Topmanager
gewöhnlich groß angelegte
Programme zum Qualitätsmanagement,
Reengineering oder zur Kunden-orientierung.
Leider zielen diese
selten auf einen wirklich radikalen
Wandel. Sie erzeugen zwar durchaus
bemerkenswerte Verbesserungen.
Doch die Konkurrenz hat nicht
geschlafen, wendet dieselben
Managementkonzepte an und hat
dieselben Berater ins Haus geholt.
Am Ende verschlingen marginale
Qualitätsverbesserungen an
bestehenden Systemen so viele
Ressourcen, dass die Erfolge kaum
noch ins Gewicht fallen. Wettbewerbsvorteile
oder Quantensprünge
lassen sich so nicht erreichen.
Der Ausweg. Wirkliches Change-
Management umfasst die Fähigkeit,
den Sprung auf eine neue S-Kurve
zu schaffen, also einen radikalen
Wandel zu bewirken. Das kann eine
völlig neue, innovative Organisationsstruktur
sein, es können
entscheidende Veränderungen im
Produktportfolio, der Kernkompetenz,
des Produktionssystems sein -
oder alles zusammen. Bei all diesen
Veränderungen muss es für das
Unternehmen darum ehen, ein
neues Spiel nach neuen Regeln zu
spielen. Das gelingt nur unter der
Bedingung, dass Sie die Mitarbeiter,
die an das alte Spiel gewöhnt
sind, dafür gewinnen, ihr Denken
und Verhalten den neuen
Regeln entsprechend zu ändern. |

Da es beim Change-Management um fundamentale Veränderung geht,
muss die Führungsspitze sowohl das Konzept als auch das Vorgehen
für das Unternehmen selbst erarbeiten. Diese Verantwortung
ist nicht delegierbar. Externe Berater und Experten können
das Management unterstützen, aber sie können und dürfen
nicht deren Aufgaben übernehmen.
Je höher die Hierarchieebene, desto länger dauert es,
gemeinsam eine Strategie für die nächste Führungsebene
und das ganze Unternehmen zu entwickeln.
Manager sind vor allem mit operativen Dingen
und Machtspielen beschäftigt - sie glauben,
keine Zeit für strategische Fragen zu haben.
Je höher die Position, desto länger dauert es, bis Führungskräfte
ihr Pokerface ablegen und ganz normal miteinander reden. Change-Manager
müssen deshalb dafür sorgen, das es dem Topmanagement
möglich ist, sich eine ausreichend lange Zeit ausschließlich
auf die Strategie zu konzentrieren.
Dies zu erreichen war auch beim „Customer Focus"-Programm
von ABB anfangs nicht einfach.
Die deutschen Topmanager hielten sich für unabkömmlich,
und viele wollten höchstens einen Tag für die Vorbereitung
des Programms opfern. Ich sagte ihnen, dass ihr Geschäft im
Alltag eigentlich ganz ohne sie laufen sollte. Ihre Aufgabe sei
nicht, sich um die täglichen operativen Dinge zu kümmern,
sondern, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. So redete
ich mit Engelszungen, und schließlich war es so weit: Das
Topmanagement flog für sieben Tage nach Indien, um die künftige
Richtung für das Unternehmen
und die Rahmenbedingungen zu bestimmen, die als Grundlage für
die Umsetzung der Strategien dienen sollten. Die völlige Fremdartigkeit
des Umfelds sollte offen machen für Neues.
So kam „Customer Focus" zunächst auf einen guten
Weg. Am Ende der siebentägigen Klausur hatten sich die 28
Manager auf eine Vision mit dem Titel „Aufbruch in die Zukunft" sowie
eine Reihe von Strategien geeinigt und gingen mit einem guten Gefühl
auseinander. Sie vereinbarten, sich monatlich zu treffen, um die
Fortschritte zu verfolgen und sich um neue strategische Herausforderungen
zu kümmern. In diesen Gesprächen sollte es ausschließlich
um die Zukunft gehen, nicht um operative Dinge. Sie hatten verstanden:
Die Arbeit in Indien war nur der Beginn der Strategiedefinition
und deren Umsetzung.
Viele erzählen heute noch begeistert, aber auch wehmütig
von diesen Tagen. Begeistert, weil erstmals im Management das Gefühl
entstanden war, ein homogenes Team zu sein, das vertrauensvoll
und kooperativ zusammenarbeitete und so tragfähige Strategien
entwickelte, die es gemeinsam verwirklichen wollte. Wehmütig,
weil nach sechs Monaten weder von der Gemeinsamkeit noch von den
schönen Strategien viel übrig geblieben war. Allmählich
wurden die monatlichen Gespräche wieder zu Arenen für
operative Probleme. Dies ist eines der größten Managementprobleme
unserer Zeit, und ich konnte es in vielen Firmen beobachten:
Schon im normalen Tagesgeschäft haben Führungskräfte
meist den Kopf nicht frei, weil sie mit operativen Dingen oder
Machtspielen beschäftigt sind. Muss ein Unternehmen restrukturieren
und hektisch Kosten senken, nimmt Fixierung auf das Operative meist
dramatische Ausmaße an. Die Manager glauben dann erst recht,
keine Zeit mehr zu haben, die Strategie zu überdenken. Es
entsteht eine Strategielücke, die später fatale Folgen
hat. Die Firma ist nicht auf neue Situationen vorbereitet und schlittert
unaufhaltsam in eine Abwärtsspirale aus Kostensenken und Umsatzrückgängen
und schließlich in die Liquiditätskrise.
top

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Es lässt sich festhalten: Je höher die Hierarchieebene,
umso mehr Zeit müssen Sie einplanen, um
ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Und Sie müssen
unbedingt im Alltag strikte Regeln und Zeitbudgets aufstellen,
damit die Konzentration auf strategische Dinge nicht erlahmt.
Veränderte Bedürfnisse. Im
vergangenen Jahrhundert war es
Hauptaufgabe der Manager, Waren
möglichst effizient herzustellen. Die
Mitarbeiter erdachten Produkte,
und die Führungskräfte entschieden,
was gut für die Kunden war und
wann sie die Ware wo und in welcher
Form bekommen sollten.
Geldmaschine und zugleich Engpass
war die Produktion, sie konnte die
Nachfrage kaum befriedigen.
Die guten alten Zeiten sind längst
vorbei. Heute wollen die Kunden
nicht mehr auf die
Lieferung der Ware
warten und verlangen
kostengünstige,
qualitativ hochwertige
Produkte zum von
ihnen festgelegten
Zeitpunkt an einem
bestimmten Ort.
Eigentlich wollen sie
keine Produkte
erwerben, sondern
ihre Bedürfnisse
befriedigen.
Im Kraftwerksgeschäft
beispielsweise wollen
die Kunden schon
lange nicht mehr
Turbinen, Generatoren
und Transformatoren
kaufen. Sie wollen die
Gesamtverantwortung
für schlüsselfertige
Lösungen an den
Lieferanten abgeben.
Er soll seine Anlage
selbst betreiben und beweisen, dass
sie gut und zuverlässig funktioniert,
erst danach übergibt er diese an den
Auftraggeber. Für manche Kunden
betreibt der Hersteller die neue
Anlage sogar dauerhaft und übernimmt
dazu die bestehenden Werke.
Das Servicegeschäft ist der einzige
Bereich, in dem manche Kraftwerksbauer
noch Geld verdienen. Erhebliche Konsequenzen. Die
Produktion wandelt sich
zunehmend zum Kostenfaktor.
Die Leistungen in den vorund
nachgelagerten Bereichen
der Fertigung entscheiden darüber,
ob ein Unternehmen einen
Auftrag bekommt. Die
Wertschöpfung findet also
nicht länger in der Produktion statt.
Sie entsteht vielmehr durch
die Transformation von Wissen in
Problemlösungen und
Dienstleistungen für die Kunden:
|
• Unternehmen bauen in ihrem
eigenen Hause die einzelnen
Komponenten zu einer schlüsselfertigen
Lösung zusammen
und integrieren sie in das System
des Kunden. Das erfordert
einen urchgängigen Fluss aller
relevanten Informationen und
des vorhandenen Wissens entlang
der Geschäftsprozesse. Es geht nicht darum, die herkömmlichen
Strukturen zu computerisieren,
sondern Datenbanken und
Betriebssoftware zu einem
Gesamt-system zu verbinden.
•
Manager müssen die Bedürfnisse
und Erwartungen ihrer Kunden
verstehen und sie befriedigen.
Diese Aufgabe können sie
nur dann exzellent erledigen,
wenn sie Mitarbeiter
haben, die intern wie extern
kundenorientiert denken und
zusammen-arbeiten. Sie
müssen den Kunden
nicht nur zuhören,
sondern deren
Wünsche tatsächlich
ernst nehmen.
• Die Fertigung war
immer stolz darauf, im
Zentrum der Leistungserstellung
für den
Kunden zu stehen.
Heute ist die Produktion
weitgehend zum
lästigen Kostenfaktor
degradiert. Um dem zu
entgehen, verlagern
Unternehmen die
Produktion in Länder mit
niedrigen Lohnkosten.
Wenn sie in Deutschland
fertigen müssen,
dann konzentrieren sie
sich auf hochwertige
kapital- und know-howintensive
Komponenten.
•
Die Führung muss
dafür sorgen, dass die
Mitarbeiter ständig lernen und die
richtigen Mitarbeiter am richtigen
Platz mit den richtigen Aufgaben
betraut sind. Investitionen in
die Entwicklung des Humankapitals
haben größere Bedeutung als
die in Anlagen und Maschinen.
Sie dürfen nicht mehr in
dem Ausmaß wie bisher Kostensenkungen
zum Opfer fallen. |
Haben Sie bei sich angefangen?
Wenn Topmanager von Veränderung reden, meinen sie in erster
Linie die anderen. Die meisten Topmanager wollen ihre Mitarbeiter
dazu bekommen, etwas anders zu machen. Sie ärgern sich, wenn
diese nicht tun, was sie sich vorgestellt haben. Aber Mitarbeiter
verhalten sich in der Regel nur dann anders, wenn sich auch ihre
Chefs ändern. Die meisten Spitzenführungskräfte
unterliegen der Illusion, ihnen selbst falle das ganz leicht. Ich
versuche ihnen dies meist mit einer Analogie klar zu machen: Die
meisten von ihnen spielen Golf. Sie setzen alles daran, ihr Handicap
zu verbessern. Golf spielen sieht ganz einfach aus. Aber wie jeder
Spieler weiß, ist der Anfang enorm schwierig. Sie müssen
vollkommen anders agieren als gewohnt: Normalerweise nehmen Sie
bei einem Ballspiel mit einem Schlagstock den Schläger als
Rechtshänder in die rechte Hand und schlagen den Ball mit
möglichst viel Kraft, damit er möglichst weit fliegt.
Beim Golf ist es genau anders herum. Sie dürfen nicht Ihre
gewohnte Hand, also etwa die rechte, als Schlaghand verwenden,
sondern müssen den Schläger verkehrt herum in der Hand
halten, und statt kräftig zuzuschlagen, müssen Sie den
Schläger zügig durch den Ball schwingen.
Manager sehen in der Regel ein, dass sie einen guten Trainer engagieren
sollten, um Golf zu lernen
und später ihr Handicap zu verbessern. Nicht nur das; sie
wissen auch, dass sie dazu das richtige Werkzeug brauchen. Und
selbstverständlich wissen sie, dass sie vor allem selbst immer
wieder lernen und üben müssen. Es wäre schön,
wenn Manager begreifen würden: Change-Management bedeutet
einerseits einen Abschied von selbstverständlich gewordenen
Gewohnheiten und andererseits das lernen neuer Denk- und Verhaltensweisen;
dazu ist mindestens ebenso viel Sorgfalt, Ausbildung und Aufmerksamkeit
wie die richtige Ausrüstung vonnöten.
Die meisten Veränderungsprogramme sind nicht gescheitert,
weil die Werkzeuge falsch waren, weil die Mitarbeiter so sind,
wie sie sind, oder weil das Umfeld ungünstig war. Bei den
meisten haben die Topmanager nicht verstanden, dass sie zuerst
in neuen Bahnen denken müssen. Auf eine einfache Formel gebracht,
müssen Sie:
1. verstehen, worauf Sie sich bei Ihrem Veränderungsvorhaben einlassen
und was Sie dafür persönlich tun müssen;
2. den Zweck und die Notwendigkeit so tief verinnerlichen, dass Sie sich durch
kein scheinbar noch so wichtiges operatives Problem von ihrem Vorhaben abbringen
lassen; 3. sich verpflichten, sich als Erster selbst zu verändern und
4. authentisch sein. Verhalten Sie sich so, wie Sie es von Ihren Mitarbeitern
erwarten.
Haben Sie Mut? Die Frage, ob Sie genug Mut zur Veränderung haben, ist mit
der vorigen eng verknüpft. Gelegentlich frage ich Topmanager,
warum sie zehnmal so viel verdienen wie ihre Experten oder mittleren
Manager. Sind Sie zehnmal kompetenter als diese? Die meisten sehen
ein, dass dies nicht sein kann. Denn dann hätten sie schlechte
Leute eingestellt und wären damit ihr Gehalt nicht wert. Wenn überhaupt,
lässt sich dieser Unterschied nur damit rechtfertigen, dass
Manager ihren ureigenen Job erfüllen:
persönliche Risiken einzugehen.
Stellen Sie sich eine Stadt an einem Fluss vor. Am Anfang ist das
Leben dort herrlich, alle haben Platz und genug zu essen. Dann
wird es zu eng, und es gibt heftige Konflikte. Schließlich
hat einer die Idee, auf die andere Seite des Flusses auszudehnen.
Dort sieht es grün und üppig aus, alle Probleme wären
gelöst. Aber wie dorthin kommen?
Einer der Menschen (vermutlich ein Manager) greift sich eine Liane
und versucht, sich hinüberzuschwingen. Doch für das letzte
Stück reicht die Liane nicht, also schwimmt er zurück.
Aber Führungskräfte werden genau dafür so gut bezahlt:
dieses letzte Stück auch noch zu überwinden,
ohne Netz und doppelten Boden, und dafür zu sorgen, dass die
anderen nachkommen. Warum zögern die meisten gleichwohl, den
unbekannten Weg zu gehen? Vielleicht weil sie nicht wissen, worauf
sie sich einlassen, ob es überhaupt der richtige Zeitpunkt
ist, oder weil sie nicht wissen, wie sie es anstellen wollen. Das
führt uns zu der folgenden Frage, einer der wichtigsten.
top

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Haben Sie das richtige Wissen?
Heutzutage von den Unternehmen Wandel zu fordern ist in gewisser
Weise grotesk. Die meisten Firmen
verändern dauernd etwas. In der angenehmsten Form geht das
routinemäßig und dient dazu, im Tagesgeschäft den
Kurs zu halten. Es gilt, Strukturen und Prozesse zu justieren,
zu reorganisieren, Kosten zu senken, neue Techniken und Innovationen
einzuführen und so fort. Üblich ist in den meisten
Unternehmen leider eine eher unangenehme und ineffiziente Form
des Wandels: eine alles absorbierende, auf technische und organisatorische
Aspekte konzentrierte hektische Betriebsamkeit.
Change-Management dagegen ist eine neue Art, zu denken, eine, die
das bisherige System gänzlich
in Frage stellt. Die Veränderung selbst kann dabei relativ
unspektakulär wirken. So mag der Anteil an Systemintelligenz
in einer Firma nur 5 Prozent betragen, während die physische
Produktion nach wie vor 95 Prozent des Geschäfts ausmacht.
Dieser Teil ist zweifellos weiterhin wichtig, dennoch kann ein
Wandel hinsichtlich des 5-prozentigen
Wissensanteils entscheidend für ein Unternehmen sein. Im Dienstleistungsbereich
ist dieser Aspekt besonders wichtig, denn die Kosten für Ersatzteile
sind relativ niedrig. Aber sie können keinen guten Service
liefern, wenn Ihre Mitarbeiter mit dem Geschäft des Kunden
nicht vertraut sind, vielleicht nicht einmal den vernünftigen
Umgang mit Beschwerden beherrschen. Das Wissen über die kritischen
Erfolgsfaktoren im Geschäft des Kunden und das Einrichten
der entsprechenden Abläufe, gepaart mit einem kundenorientierten
Verhalten der Mitarbeiter, sind heute die Grundlage für guten
Service.
Aistom Power Service scheint das erkannt zu haben und baut den
Geschäftsbereich entsprechend
aus. Die Mitarbeiter erstellen heute technische Analysen von Kraftwerken
beliebiger Hersteller, während die Verantwortlichen früher
intern nicht einmal Pläne der eigenen Kraftwerke gern weitergegeben
haben. Jeder weiß heute, dass eine Verschiebung von der traditionellen
Produktion, bei der Material in Waren transformiert wird, hin zur
Wissenstransformation, zu Kundenlösungen und Dienstleistungen
stattfindet.
Aber zu erkennen, wie dramatisch diese Veränderung tatsächlich
ist, und die nötigen Konsequenzen
daraus zu ziehen, gelingt vielen nicht.
Change-Management kombiniert Managementkunst, Fachwissen und harte
Arbeit. Vergleichen Sie es mit der Tätigkeit eines Kochs.
Wer nur das Fachwissen hat (Kochrezepte), wird wohl etwas Essbares
zustande bringen, aber nichts, das wirklich ein Genuss ist und
sich abhebt. Wer nur die Kunst beherrscht, kann vielleicht einmalige
Wunderwerke (der Kochkunst) vollbringen, eine Mannschaft motivieren,
eine Vision hervorbringen, aber er kann diese Veränderung
nicht dauerhaft verankern. Damit sie nachhaltig wirkt, ist es unerlässlich,
sich auch das notwendige Wissen zu erarbeiten. Das kann einige
Zeit in Anspruch nehmen. Der Wandel eines Unternehmens der Industrieära
zu einer vernetzten, kundengesteuerten Organisation der Wissensära
wird noch lange dauern.
Bei der Entwicklung neuer Strategien und Managementkonzepte für
diese Zukunft stehen wir erst am Beginn.
Haben Sie die richtigen Leute?
Entscheidend für Veränderungen ist, die richtigen Leute
an der richtigen Stelle zu haben. Jack Welch von GE hat dies begriffen
wie wohl nur wenige andere. Wandel kann sehr wohl auch von unten
kommen, dennoch wird die Treppe letztlich von oben nach unten gefegt.
Die Wahl der richtigen Mitarbeiter lässt sich im Grunde auf
die folgenden einfachen Fragen reduzieren:
Wenn ich dieses oder jenes verändern will, welche Leute mit
welchen Überzeugungen, Fähigkeiten und Kenntnissen brauche
ich dazu? Sind meine Mitarbeiter derzeit mit den richtigen Aufgaben
betraut, sind sie in der richtigen Position? Dies fragen sich Führungskräfte
tatsächlich selten, zumindest nicht zu Beginn der Veränderung.
Die Leute, so wird angenommen, sind ja auf ihren Posten, weil sie
alles dafür Notwendige können. Bei Reorganisationen bauen
die Verantwortlichen die neue Organisation oft um diese Leute herum.
Bei der Anschaffung einer Maschine wird
mehr Sorgfalt an den Tag gelegt
als bei der Auswahl von Mitarbeitern.
Wir machen es uns zu leicht und scheuen die unangenehmen Folgen
der schonungslosen Überprüfung, was jemand wirklich kann
und welche Aufgaben er mit seinen Voraussetzungen und Ambitionen
am besten zu lösen vermag. Fragen Sie Spitzenführungskräfte,
ob in ihrer Firma die richtigen Leute in den richtigen Positionen
mit den richtigen Aufgaben betraut sind, sagen dises gewöhnlich: „Klar
sind sie das. "
Dann fragen Sie: „Woher wissen Sie das?" Die Antwort
ist meistens: „Ich kenne sie doch. " Gleichwohl läuft
das Geschäft nicht so, wie es sollte. Wie kann das sein? Dieselben
Vorstände können in der Regel nicht einmal die Kriterien
nennen, anhand deren sie beurteilen, ob ihre direkten Untergebenen,
also die oberste Führungsebene, ihre Aufgaben erfüllt,
und sie wissen auch nicht, was diese brauchen, um sie gut zu lösen.
Topmanager rühmen sich gern, für möglichst viele
Menschen direkte Führungsverantwortung
zu tragen. Wie ein Manager 30 000, 100 000 oder 200 000 Mitarbeiter
führen kann, bleibt mir ein
Rätsel und verdient meine Bewunderung.
Es würde genügen, wenn sich der Firmenchef je nach Unternehmensgröße
nur um 0, 1 bis l Prozent der Belegschaft persönlich kümmerte.
Sorgen Sie dafür, dass diese Menschen die richtigen Einstellungen
haben und das richtige Verhalten an den Tag legen, um das Veränderungsprogramm
vorbereiten und umsetzen zu können. Diese Mitarbeiter müssen
Sie sorgfältig auswählen, positionieren und vor allem
unterstützen. Entwickeln Sie sie zu Change-Agenten, und sie
werden Ihre Gedanken, Überzeugungen und Zielvorgaben weitertragen.
Wir neigen dazu, bei der Anschaffung, Aufstellung und Wartung einer
Fertigungsmaschine eine größere Sorgfalt und methodische
Disziplin an den Tag zu legen, als bei Mitarbeitern, obwohl diese
wesentlich wertvoller für ein Unternehmen sind. Während
meiner Zeit bei
DEC veranschlagten wir die Kosten für die Einstellung eines
neuen Managers mit zwei Millionen
Dollar. In der Regel ist es nicht schwer, relativ schnell einzuschätzen,
welche Leute mitziehen und welche
nicht. Die Mitarbeiter Ihrer Firma lassen sich in drei Kategorien
einteilen:
•
Die Veränderer, die auf eine Eingebung zur notwendigen Transformation
gewartet haben. Diese Mitarbeiter werden die Speerspitze für
die Umsetzung der Veränderung bilden, Sie brauchen sie
nur zu unterstützen.
•
Die Skeptiker, die vom Topmanagement häufig nur Sonntagsreden
zur Veränderung gehört haben.
Diese müssen Sie überzeugen und durch entsprechendes
Training zum Wandel befähigen.
•
Die Verweigerer. Das sind oft Mitarbeiter, die schon lange im Unternehmen
sind und sich stark
mit ihm identifizieren. Sie verweigern die Veränderung nicht
nur aus Eitelkeit oder Trotz, sondern möchten
das, was bisher erfolgreich gewesen ist, aus Sorge um das tägliche
Geschäft bewahren.
Dennoch sind diese Mitarbeiter wertvolles Kapital für Sie.
Sie haben das nötige Know-how sowie Erfahrung,
und die Firma hat viel in sie investiert. Es wäre
töricht, diese Mitarbeiter und ihr Wissen nicht für
die Umsetzung des Wandels zu nutzen. Manchmal ist der Widerstand
dieser letzten
Gruppe psychischer Art.
Wer jahrzehntelang auf eine bestimmte
Weise gearbeitet hat und jetzt alles anders macht, meint
damit zuzugeben, vorher falsch gelegen zu haben. Wählen Sie
diese Menschen zu Veränderungschampions - machen
Sie den Bock zum Gärtner.
Versetzen Sie sie in eine andere Umgebung, in der
man sie nicht genau kennt. Sie werden erleben, wie motiviert und
engagiert
viele von ihnen das Programm unterstützen. Schlechte Mitarbeiter
sind selten, es gibt nur
eine schlechte Zuordnung von Aufgaben. Wer von Hockeyspielern verlangt,
Fußball zu spielen, muss mit Misserfolg rechnen. Auch bei ABB ist es letztlich nicht
geglückt, die kritische Masse von begeisterten Anhängern
zu gewinnen. Vorbildliche Beispiele aber gab es. Zu den ABB-Gesellschaften
in Deutschland, die „Customer Focus" besonders engagiert,
kreativ und erfolgreich umgesetzt haben, gehörten etwa die
Flexible Automation GmbH, die Schalt- und Steuerungsanlagen GmbH
oder die Busch-Jäger GmbH. Besonders eifrig taten dies auch
die kanadischen, indischen und türkischen ABB-Unternehmen,
die sich heute einer guten Geschäftslage erfreuen können.
Im Übrigen mangelt es häufig nicht an der Fähigkeit
der Manager, sondern daran, dass die Unternehmensspitze sie falsch
belohnt und damit fehlsteuert. Bei GE etwa waren 40 Prozent der
variablen Vergütung der Manager und ihre Karriere davon abhängig,
wie erfolgreich sie die jeweiligen
Programme umsetzten. Es reichte nicht, nur gute Ergebnisse zu
liefern. Bei ABB in Deutschland waren für eine kurze Zeit
gerade einmal 5 Prozent der Vergütung
variabel. Selbst dagegen haben sich die Vorstände und manche Geschäftsführer mit Händen
und Füßen gewehrt.
Führungskräfte, die notwendige Veränderungen verzögern
und ihre Mitarbeiter demotivieren, sind unendlich teuer für
ein Unternehmen. Sie müssen entweder neue Aufgaben für
sie suchen oder sich zur Not auch von ihnen trennen. Tun Sie das
nicht, werden sich Zynismus und Bequemlichkeit im Unternehmen breit
machen. Trennen Sie sich freundlich von solchen Mitarbeitern, denn
sie könnten das nächste Mal auf der anderen Seite des
Tisches als Kunden sitzen.
Haben Sie die richtigen Instrumente?
Fundamentale Veränderungen sind kein Selbstzweck. Sie müssen
die Gewinnsituation verbessern, gesundes Wachstum ermöglichen,
einen höheren Marktanteil bescheren und die Loyalität
der Kunden erhöhen. Dafür gibt es eine Vielzahl von Instrumenten,
von der Balanced Scorecard über Kanban, Design for Manufacturing
bis hin zur ISO 9000 und so fort. Wenn es um Veränderung geht,
diskutieren die Beteiligten interessanterweise meist zu circa 90 Prozent über
die Instrumente. Nur einen Bruchteil
der Zeit überlegen sie, unter welchen Voraussetzungen sie
all diese wunderbaren Methoden erfolgreich anwenden können.
Die Frage ist nicht banal, denn für den Wandel brauchen Sie
auch geeignete Verfahren. Gelingen Veränderungen nicht, behaupten
Manager gewöhnlich, die Instrumente hätten nichts getaugt.
Das kann freilich sein, manche Methode funktioniert tatsächlich
nicht. Aber als Ausrede sollten Sie das niemals gelten lassen.
Denn: Kann ein Konzept wie Total Quality falsch sein? Kann Kundenorientierung
etwas Falsches sein? Wenn ein Manager mit einem Instrument nicht
weiterkommt oder nicht daraus lernt, kann er ein anderes ausprobieren.
Führungskräfte müssen erkennen, wo Problem
liegt und dann etwas Neues machen. Den ersten Schritt vergessen
sie meist.
Dagegen wird heute meistens eingewandt, es gebe ohnehin zu viele
Tools in den Unternehmen, ständig würde „eine neue
Sau durchs Dorf getrieben". Meiner Erfahrung nach kann es
nicht per se zu viele oder zu wenige Methoden geben. Die Mitarbeiter
und Manager mancher Gesellschaften, wie zum Beispiel der damaligen
ABB Schalt- und Steuerungstechnik, waren von Natur aus neugierig
und hielten nicht am Herkömmlichem fest. Sie probierten begeistert
viele verschiedene
Methoden und Konzepte aus. Es herrschte eine angenehme Kultur vertrauensvoller
Kooperation.
Was sich als brauchbar erwies, integrierte das Management fest
in den Alltag. Andere Gesellschaften
wiederum wandten nur ein oder zwei Instrumente an, das aber konsequent.
Leider gab es weder von den einen Einheiten noch von den anderen
genug.
Denken Sie jedoch an die S-Kurve. Sie können ein System, das
am höchsten Punkt der Kurve angelangt
ist, nicht mehr mit Instrumenten allein verbessern. Hier müssen
Manager zwei scheinbar einfache Dinge tun: Erstens müssen
sie erkennen, dass es so nicht weitergeht. Zweitens müssen
sie etwas Neues machen. Den ersten Schritt vergessen Führungskräfte
meistens. Das heißt, sie erkennen nicht, wo das wirkliche
Problem liegt, und tun gleich den zweiten Schritt. Das allein ist
der Grund für den Schwall stets neuer Methoden in den Unternehmen,
die letztlich nichts bewirken. Für den Umgang mit Instrumenten
ist auch die folgende Frage eminent wichtig.
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Finden Sie Change- Management schwierig?
Oft sind die Dinge komplizierter, als Führungskräften
lieb sein kann. Freilich gibt es in Unternehmen und im Umgang mit
Menschen selten eine einfache Lösung. Aber Change-Management
an sich ist nicht schwierig. Sie müssen verstehen, was Sie ändern
wollen, und sich langsam vortasten.
In den 80er Jahren war ich bei DEC für eine Gruppe von Akademikern
zuständig, die neue Roboter entwickelte. Diese sollten die
seinerzeit in der Fertigung eingesetzten Methoden einmal ersetzen.
Das Management war stolz darauf, ein von den Japanern übernommenes
hochmodernes Konzept für die Fabrikgestaltung verwirklicht
zu haben. In der Mitte der Fabrik befand sich die Fertigung, umgeben
von den anderen Abteilungen, die durch Glaswände abgetrennt
waren. Diese Architektur brachte allerdings ein großes Problem
mit sich: Zum einen sahen die Arbeiter in der Halle, dass die Entwickler
kamen und gingen, wann sie wollten. Es bewährt sich immer
wieder, kreativen Leuten nicht vorzuschreiben, wann sie
zu arbeiten haben, solange dies ergebnisorientiert erfolgt. Manche
Entwickler kamen um vier Uhr morgens, manche um zwei Uhr am Nachmittag.
Dagegen hatten die Arbeiter in der Fabrik Stechuhren
und durften allenfalls eine Viertelstunde Gleitzeit auskosten.
Zum anderen hatten die Arbeiter ständig vor Augen, dass diese
seltsamen Leute Apparaturen entwickelten, die ihnen als Bedrohung
ihres Arbeitsplatzes erscheinen mussten.
Schließlich verfrachtete ich die Entwickler in eine einige
Kilometer entfernte Halle. Als der Prototyp des Roboters fertig
war, mieteten wir ein kleines Stück der Produktionshalle und
stellten ihn dort auf, damit sich die Arbeiter daran gewöhnen
konnten. Für Betriebsfeste programmierten wir ihn so, dass
er Bier ausschenkte. Einmal luden wir die Arbeiter in unsere Entwicklungshalle
ein und zeigten ihnen, was wir taten.
Diese und weitere Maßnahmen bewirkten, dass die Veränderung
reibungslos über die Bühne ging.
Das Problem ist nicht, Fehler zu machen, sondern, etwas halbherzig
zu verändern und nicht
ständig nach neuen Erkenntnissen oder besseren Methoden zu
suchen. Mitarbeiter werden es Ihnen
selten verübeln, wenn Sie einmal ein Instrument anwenden,
das sich als unpassend erweist.
Nicht verzeihen werden Sie Ihnen aber, wenn Sie etwas nur einführen,
weil es gerade schick ist, ohne
wirklich zu verstehen, was das bedeutet und vor allem: wenn Sie
sich keine Mühe mit ihnen geben.
Wollen Sie richtig investieren? Wie ernst es Ihnen ist, merken Mitarbeiter sehr schnell daran,
ob Sie bereit sind, etwas in das Projekt zu
investieren. Das Topmanagement von ABB und jede andere Unternehmensleitung,
der ich bislang ein Veränderungsprogramm vorgeschlagen habe,
war davon nach einer gewissen Zeit begeistert. Zumindest bis die
Manager hörten, was eine solche Initiative ungefähr kosten
würde.
Um gerecht zu sein: Viele Unternehmen gaben für Veränderungsprogramme
gigantische Summen aus. Sie engagierten teure Berater, kostspielige
Trainer und Keynote-Speaker; sie ließen Unmengen hübscher
Broschüren drucken. All das ist nicht überflüssig
gewesen, aber sicher war bei weitem nicht alles notwendig. Vor
allem investierte das Management nicht in die richtigen Dinge.
Für viele Führungskräfte war ein Programm etwas,
das man sich leistete. Was sie mit einem bestimmten Aufwand erreichen
sollten
und konnten, diskutierten sie erstaunlich selten. Das betrifft
vor allem die immateriellen Investitionen.
Natürlich müssen Manager Geld in die Hand nehmen, wenn
sie Ergebnisse haben wollen. Das wissen wir zwar, tun es aber trotzdem
nicht. Wir wollen unsere Bildung verbessern, aber möglichst
wenig dafür ausgeben. Doch wer nicht in die Ausbildung seiner
Manager, Mitarbeiter und vor allem nicht in die eigene investiert,
muss sich nicht wundern, wenn die Verantwortlichen Veränderungen
so unglücklich und aufs Geratewohl angehen, wie wir das jüngst
bei vielen Unternehmen erleben konnten. Wenn das Topmanagement
nicht bereit ist, wenigstens Zeit für die Veränderung
zu budgetieren, sollte es kein
Programm initiieren.
Als ich zu ABB kam, lief gerade die Initiative „Time Based
Management". Das Ziel bestand darin, alle Durchlaufzeiten
um 50 Prozent zu reduzieren. Ich empfahl den Managern: „Wenn
Sie das Programm richtig machen wollen, müssen Sie sich Zeit
nehmen. " Ich weiß nicht, ob sie mich damals verstanden
haben. Aber auch dieses Programm brachte nicht den erhofften Erfolg.
Ä
hnlich ging es Aistom mit „Stretch 30", einer Initiative,
mit der die Führung die Materialkosten innerhalb von drei
Jahren um 30 Prozent reduzieren wollte, also um l, 5 Milliarden
Euro. Als ich zu Aistom kam, war ich der Ansicht, es würde
zwei Jahre dauern, ein solches Programm zu starten. Ich weiß nicht,
ob am Ende auch nur die Beraterkosten durch die Einsparungen hereingeholt
wurden. Der verantwortliche Topmanager übernahm nach einem
Jahr einen anderen Posten, und irgendwann redete niemand mehr von
dem Programm. Ich habe Firmen erlebt, die im April ankündigten,
ein Netzwerkunternehmen oder eine lernende Organisation werden
zu wollen, und ihre Vision im Oktober für realisiert erklärten.
Das
dies unmöglich ist, sollte sich eigentlich von selbst verstehen.
Die drei entscheidenden Fragen Unser Wissen über Change-Management
wird immer vollständiger. Dennoch wird es fast vollständig
missachtet. Die wichtigsten Fragen zu Beginn einer Veränderung
sind:
•
Wo komme ich her?
•
Wo stehe ich?
•
Wo will ich hin?
Dann ersetzen Sie das Wort „ich" durch „Unternehmen".
Die Fragen mögen sehr einfach erscheinen,
aber Sie sollten versuchen, sich wirklich ernsthaft zusammen mit
ihrem Führungsteam über einen längeren Zeitraum
hinweg ausschließlich mit diesen Fragen zu beschäftigen.
Gute Manager kommen so fast immer zu unerwarteten Einsichten.
Change-Management ist weder schwierig noch geheimnisvoll, noch
ist es für jedes Unternehmen notwendig. Prüfen Sie genau,
ob ein solches Programm sinnvoll ist. Wenn ja, denken Sie daran,
dass die Fragen einfach sind, der Weg zu den Antworten aber schwierig
und aufwändig sein kann.
Von Ihrer Überzeugung, Risikobereitschaft und Geduld wird
es abhängen, ob Ihnen und dem Unternehmen der Wandel gelingt.
LITERATUR
GAIROLA, A.: Prozessketten in Organisation und
Technik. Kunden-Lieferanten-Beziehungen, in:
Bullinger, H. -].; Warnecke, H. -J. (Hrsg. ):
Neue Organisationsformen im Unternehmen,
2. Auflage, Springer 2002.
GAIROLA, A; SAVAGE, C.: Co-Creative
Commerce. Plug-n-Partnering through „ Web
Services " is enabling the shift from the frown to the
smile. Internet White Paper 2001.
HANDY, C.: The Empty Raincoat. Making Sense
of the Future, Hutchinson 1994.
KONTAKT ZUM AUTOR
arun. gairola@vcorp. de
© 2003 Harvard Businessmanager
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