| Sprengen Sie alte Strukturen. Zerreißen
Sie ihr Organigramm. Taten sprechen lauter als Worte. Charles Savage,
Forscher, Autor und Unternehmensberater, gehört zu den Anhängern
von flachen Hierarchien, horizontaler Kommunikation und eigenverantwortlichem
Engagement. Nur wenn die Unternehmen mit der Basis zusammenarbeiten,
könnten sie den Sprung vom Industriezeitalter ins Zeitalter
des Wissens schaffen. Am 29. April referiert er in München
im Rahmen des Kongress "Qualifizieren statt Entlassen."

Photos: Stephan Rumpf (2)
DIE FIRMEN DENKEN ZU KURTZFRISTIG, so der Trendforscher Charles
Savage und seine Kollegin Elisabeth Sundrum. "Sie beschäftigen
sich ständig mit der Optimierung ihrer Vertriebs- und Marketing-Aktivitäten
oder drehen an der Kostenschraube. Dabei vergessen sie, eine Kultur
der gegenseitigen Wertschätzung zu etablieren."
Eines Morgens hatte Frank Giardelli, Vorstand bei Custom Products
and Services, eine Idee: Er stellte sich vor seine Führungskräfte
und zerriß das Organigramm. Statt Hierarchie sollte fortan
Dialog die bestimmende Organisationsform sein. Charles Savage, Wissenschaftler
und Präsident der Knowledge Era Enterprises, einer Unternehmensberatung
in Framingham, Massachussetts, schildert in seinem Buch Fifth Generation
Management die Konversation, die Giardelli wegen dieser Maßnahme
mit seinen Topmanagern zu führen hatte, um damit seine eigene
These zu erklären: Wir benötigen für das Wissenszeitalter
eine neue Organisationsstruktur in den Unternehmen. Es macht keinen
Sinn, mit den Systemen des industriellen Zeitalters zu operieren,
sie passen nicht mehr. Vor allem weil sie den Menschen falsch bewerten:
Im heranbrechenden Zeitalter wird der Mensch als Wesen mit Gefühlen,
Kreativität und sozialen Bedürfnissen gesehen und gebraucht.
Er ist nicht mehr nur oder primär ein Teil eines mechanischen
Apparates. Er ist nicht mehr Rädchen in einem tayloristischen
Wirtschaftssystem. Verlangt wird, daß er einen Blick für
das Ganze gewinnt, damit er das Ganze versteht. Voraussetzung: Mißtrauenskulturen,
intensive Kontrollmechanismen müssen ersetzt werden durch Vertrauen
und Wertschätzung, durch das Zulassen von Fehlern und die Fähigkeit,
daraus zu lernen. Fragen müssen wertvoller sein als Feststellungen,
weil sie zum Erkunden und Entdecken anregen. Die Unternehmen müssen
erkennen, wie wichtig das "tacit knowledge", das geheime
Wissen ist: Intuition, Kreativität und Emotion. Fähigkeiten,
die bislang zurückgehalten wurden, weil sie entweder nicht
gefragt waren oder ihr Besitzer fürchtete, sich damit zu exponieren,
ausgelacht zu werden.
Savage ist nicht der erste, der sich Gedanken darüber macht,
was das Zeitalter des Wissens für unsere Wirtschaft bedeutet.
Peter Senge, Arie de Geus, Mathias Horx, John Hormann - sie alle
appellieren an die Unternehmen. Nur wenn die Führungskräfte
mit der Basis zusammenarbeiten, schaffen sie den Sprung vom Industriezeitalter
ins Zeitalter des Wissens. Am 29. April wird Savage im Rahmen des
Münchner Kongresses "Qualifizieren statt Entlassen"
über seine Arbeit berichten. Mit ihm und seiner Kollegin Elisabeth
Sundrum, Vizepräsidentin von Knowledge Era Enterprises, sprach
Hans-Herbert Holzamer.
SZ: Herr Savage, sind Sie der neue Heilsbringer aus Amerika?
Savage: Nein, ich versuche nur zusammen mit Unternehmen folgende
Fragen zu beantworten: Wie können wir ein Klima des Vertrauens
und der Offenheit schaffen? Wie können wir die individuellen
Stärken unserer Mitarbeiter nutzen? Wie gelingt es uns, Verantwortungswillen
und Lernbereitschaft sicherzustellen?
SZ: Sind diese Fragen für Unternehmen denn essentiell?
Savage: Wir leben in einer Zeit, die eine globale Wissensvernetzung,
schnelle Wissensbereitstellung und intuitive Entscheidungen fordert.
Von Seiten der Computertechnologie wäre das kein Problem. Verschiedene
Abteilungen können an einem Projekt gleichzeitig arbeiten.
Konstruktionsingenieure, Fertigungsingenieure und Marketing-Spezialisten
prüfen gleichzeitig dieselbe Zeichnung, Prozeßpläne
und Marktprojekte, auch wenn sie räumlich und geographisch
weit voneinander entfernt sind. Genauso ist eine effektive Zusammenarbeit
zwischen verschiedenen Unternehmen aber auch zwischen Unternehmen
und Kunden, zwischen Kunden und Lieferanten möglich. Zum Beispiel
kann ein japanisches Konstruktionsbüro in Indien einheimische
Ingenieure beauftragen, bestimmte Komponenten zu bauen. Über
E-Mail und Internet können Alternativen zu Konstruktionszeichungen,
Prozeßplänen und Marketingstrategien diskutiert werden.
Doch unsere Organisationsform ist noch nicht so weit. Sie verhindert,
daß wir die Kraft dieser Technologie wirklich erkennen und
effektiv ausnutzen.
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Sundrum: Die meisten Unternehmen sind stark hierarchisch strukturiert.
Jeder übernimmt eng begrenzte, sich gegenseitig ausschließende
Verantwortungsbereiche. Konstruktionsabteilung, Fertigungsabteilung,
Kundendienst, Finanzabteilung - sie wissen nichts voneinander. Sie
wollen nichts voneinander wissen. Sie mißtrauen sich. Auch
die Unternehmensleitung macht da keine Ausnahme. Jeder arbeitet,
plant, koordiniert für sich. Um ein Problem zu lösen,
müssen Kleinimperien durchlaufen werden. Das kostet Zeit und
Geld.
Savage: Hinzu kommt, daß viele Mitarbeiter das Gefühl
haben, Katastrophenmanagement zu betreiben, Feuer zu löschen,
Kleinkram zu erledigen und Anweisungen zu befolgen. Dadurch geht
viel tacit knowledge verloren: individuelle Lernerfahrungen, Einsichten,
Kreativität, Intuition, Emotion.
SZ: Sie beraten in den USA unter anderem die Firmen ABB, Dow und
Electrolux. Wie bereiten sie diese Unternehmen auf die Zukunft vor?
Savage: Ich sage den Firmen immer: Wir müssen unsere Werte,
Einstellung und Auffassung zu Führungsstil, Arbeit und Zeit
überdenken. Wir müssen uns selbst kennenlernen - unsere
Visionen, unser Wissen, unsere Gedanken und Gefühle. Management
der fünften Generation ist eine Frage des Führungsstils.
Es geht nicht um die eigenen Machtbefugnisse, sondern darum, wie
wir miteinander arbeiten und umgehen müssen, um gemeinsam ein
Ziel zu erreichen. Dazu bedarf es eines integrativen Umfelds, in
das Mitarbeiter und Unternehmen ihre besten Fähigkeiten einbringen.
Sundrum: Echte Integration ist ein kontinuierlicher, zerbrechlicher
Prozeß. Ausschlaggebend sind weniger die Qualität der
gewählten Computersysteme, als vielmehr die Werte des Unternehmens
und die Integrität seiner Mitarbeiter. Bei der ständig
wechselnden Zusammensetzung funktionsübergreifender Teams sind
gegenseitige Achtung, Vertrauen und Ehrlichkeit von entscheidender
Bedeutung.
Savage: Viele Manager kontrollieren jedoch ihre Mitarbeiter und
schotten sich nach unten hin ab. Sie wählen nur Mitarbeiter
aus, die auf keinen Fall stärker sind als sie. Oder sie halten
sie klein. Die Folge: Die Mitarbeiter verstummen, schieben Dienst
nach Vorschrift. Ohne vertrauensvollen Umgang, ohne gegenseitige
Wertschätzung wird es jedoch kaum gelingen, Mitarbeiter zu
Wissens-vernetzung zu motivieren, echte Teams zu bilden, mit den
Kunden strategische Allianzen und mit den Wettbewerbern Partnerschaften
einzugehen.
SZ: Peter Ducker, Peter Senge, Hans Jürgen Warnecke - sie
alle schreiben über Network Organisation, Learning Organisation,
fraktale Unternehmen. Allen Ansätzen liegen vier wesentliche
Gedanken zugrunde: dienende Führung, horizontale Kommunikation,
selbststeuernde Teams und Vertrauen in die Fähigkeiten und
Absichten der Mitarbeiter. Aber die Firmen tragen dem doch heute
weniger Rechnung als je zuvor. Die Stichworte Teleworking oder Ego-Company
zeigen, daß von dem Mitarbeiter verlangt wird, sich selbst
um alles zu kümmern. Er muß für seine Arbeitsmarktfähigkeit
sorgen, sich qualifizieren, er bekommt keinen festen Büroplatz
mehr. Von Integration kann kaum die Rede sein. Führt das Wissenszeitalter
nicht genau in die andere Richtung?
Savage: Nur wenn wir es zulassen. Die Gefahr, daß die Technologie
uns überwältigt, ist immer gegenwärtig. Was wir benötigen,
ist ein Dialog zwischen den Mitarbeitern, den Führungskräften,
den Unternehmen. In Deutschland haben wir in zwei Unternehmen eine
Dialogkultur aufgebaut. Erfolgreich. Wir müssen eine Gemeinschaftsstruktur
schaffen, damit die Mitarbeiter - ganz gleich ob sie im Haupthaus,
in einer Zweigstelle oder zu Hause sitzen - in einer authentischen
Gemeinschaft ihr Fundament haben.
Sundrum: Man hätte annehmen können, daß das Informationszeitalter
zur Entmenschlichung der Unternehmen führt. Daß die Automatisierung
dazu führt, daß nur noch einige Spitzenführungskräfte
in ihren Kommando- und Kontrollzentralen sitzen und mit Hilfe einiger
weniger Experten die alltäglichen Betriebsabläufe steuern.
Das war vor einigen Jahren auch meine Befürchtung. Doch heute
ist klar, daß es die Menschen sind, die einer Organisation
zu Flexibilität, Agilität und Kreativität verhelfen.
SZ: Der Mensch als wichtigste Ressource - Mal ehrlich: Nur wenige
Unternehmen haben das erkannt.
Sundrum: Auf Dauer wird ihnen nichts anderes übrigbleiben.
Jedes Unternehmen hat vier Lebenszyklen: Aufbau, Konsolidierung,
Neuorientierung, Konsolidierung. Oder wenn dies nicht gelingt, Untergang.
Das gilt auch für Gesellschaf ten. Hochkulturen sind zugrunde
gegangen, weil die herrschende Klasse den Kontakt zur Masse verloren
hat. Das hat sich zuletzt in Osteuropa gezeigt.
SZ: Über Werte, Gefühle, Visionen zu reden, bedeutet,
sich zu öffnen. Viele haben aber Angst, sich dadurch angreifbar,
verletzbar zu machen
Savage: Wenn wir zu intellektuellem Kapital gelangen wollen, müssen
wir die innere Beziehung zwischen dem Wissen und den Werten verstehen.
Wenn ich Dich nicht wertschätze, werde ich nie Zugang zu Deinem
Wissen haben. Das System der Vergangenheit war darauf angelegt.
Dich abzuwerten, um Dich auszuschalten. Wenn ich mich Dir öffne,
entdecke, was Du weißt, dann entsteht Energie, dann können
wir gemeinsam kreativ werden, ko-kreativ. Was wir versuchen, ist
unsere Klienten in einen regulären Dialog mit ihren Mitarbeitern,
Kunden und Lieferanten zu führen, um sie die Energie fühlen
zu lassen, die aus diesen Unterhaltungen entsteht. Wir müssen
mit Energie arbeiten und nicht mit Macht.
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Das 47. Müchner Expertengespräch der Hanns Seidel Stiftung
"Qualifizieren statt Entlassen" fand am 29. April 02 im
europäischen Patentamt statt. Information und Anmeldung unter
der Telephon-nummer 089-1258-242.
Literatur: Charles Savage, Fifth Generation Management, Vdf Hochschulverlag
AG an der ETH Zürich, ISBN 3728121738; das Book Café
hat die englische Ausgabe in Auszügen ins Netz gestellt: www.kee-inc.com
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